Leben oder gelebt werden?

Eine Mitarbeiterin, nennen wir Sie Susi, bekam die neue Aufgabe alle Bestellungen für Verbrauchsmaterial auszulösen und damit die Verantwortung dafür, dass immer alles vorrätig war. Bei jeder Bestellung die sie auslösen wollte stand sie vor meiner Tür und wollte meine Zustimmung. Natürlich ärgerte mich das, da Susi nicht nur die Aufgabe, die ich delegiert hatte immer wieder an mich zurückspielte, sondern zusätzlich die Verantwortung für diese Aufgabe nicht übernehmen wollte. Ich bat sie, selbst die Mengen in Hinblick auf Verbrauch, Lagerplatz und Budget zu überprüfen und sprach ihr mein Vertrauen aus, dass sie selbständig in der Lage sei, die Bestellungen auszulösen.  

Sie zögerte und war offensichtlich nicht glücklich damit, dass ich meine Unterstützung verweigert hatte, stellte sich aber der Aufgabe. 

Sie bestellte anfangs zaghaft und in kurzen Abständen, merkte dann, dass die Frequenz und die Kosten der Nachbestellungen nicht im Verhältnis zum Verbrauch standen. Sie änderte die Vorgehensweise und bald hatte Sie die optimale Menge und Taktung gefunden. Es war wirklich immer alles vorrätig, was wir brauchten und auch neues praktisches Material wurde ins Sortiment aufgenommen. Susi wurde für alle Kollegen zur vertrauenswürdigen und kompetenten Ansprechpartnerin für unsere Verbrauchsmaterialien.

Klar kann man, wie Susi am Anfang, alle Verantwortung ablehnen und andere die Entscheidungen fällen lassen. Man kann dann sagen:"Es ist nicht meine Schuld, dass das passiert ist!" Man ist dann aber auch immer Opfer, der Entscheidungen anderer und lebt sein Leben nicht selbst, sondern wird gelebt. Menschen die das tun sind leider meist unglücklich, da sie mit den Entscheidungen der anderen nie zufrieden sind. Klar, die Entscheidungen passen wahrscheinlich nie in das eigene Lebensmodell! Jetzt kann man philosophisch fragen, habe ich das Recht unzufrieden zu sein, wenn ich mich der Verantwortung entziehe? Die Antwort überlasse ich jedem selbst. 

Was passiert denn, wenn diese Menschen dann plötzlich doch Verantwortung übernehmen? Was ist bei Susi passiert? Sie hat durch die Ausführung der Aufgabe und durch das Übernehmen der Verantwortung ihre Selbstwirksamkeit erkannt und an Selbstvertrauen gewonnen. Sie hat ausserdem gemerkt, dass kleine Fehler, die Welt nicht gleich zum Einsturz bringen und dass sie als Person mit ihrer Verantwortung an Status gewinnt und Ihre Kollegen sie schätzen. Susi ist zu einer selbstbewussten und zufriedenen Person geworden und war fortan bereit mehr Verantwortung zu übernehmen.